Custom Assistenten für Schulen
Custom Assistenten — in der Praxis bekannt als Custom GPTs (OpenAI), Claude Projects (Anthropic) oder Gemini Gems (Google) — sind KI-Modelle, denen eine feste Persona, eine Wissensbasis und eine Tonalität mitgegeben wurde. Sie antworten konsistenter, kontextspezifischer und pädagogisch besser steuerbar als ein generisches Sprachmodell. Für Schulen bieten sie die Möglichkeit, massgeschneiderte Lernhilfen zu bauen — ohne Programmierkenntnisse und ohne Backend-Infrastruktur.
Was ein Custom Assistent ist
Ein Custom Assistent besteht im Kern aus einem System-Prompt: einer unsichtbaren Vorab-Instruktion, die der KI mitteilt, wer sie ist, was sie weiss, wie sie kommuniziert und was sie nicht tut. Lehrpersonen können in diesem System-Prompt festlegen: Schreibt der Assistent auf Niveau B2 oder C1? Gibt er Antworten oder stellt er Gegenfragen? Bezieht er sich nur auf den aktuellen Lernstoff?
Zusätzlich zum System-Prompt können Dokumente hochgeladen werden, die der Assistent als Wissensgrundlage nutzt — Lehrpläne, Lehrmittelauszüge, Prüfungsunterlagen, Schulpolicies. Der Assistent antwortet dann aus diesem Kontext heraus, statt aus dem gesamten Trainingskorpus zu schöpfen.
Schul-Anwendungsfälle
Lese-Coach
Ein Lese-Coach-Assistent unterstützt Lernende beim Verstehen anspruchsvoller Texte. Er ist so eingestellt, dass er Texte nicht zusammenfasst, sondern Verständnisfragen stellt und erklärt, wenn Lernende einen Begriff nicht kennen. System-Prompt-Kernaussage: „Du erklärst, aber du fasst nicht zusammen. Wenn ein Lernender einen Text-Abschnitt nicht versteht, fragst du zuerst, was er bereits verstanden hat."
Diese Konfiguration verhindert, dass Lernende den Assistenten einfach als Zusammenfassungs-Tool nutzen — und fördert stattdessen aktives Textverstehen.
Mathe-Tutor
Ein Mathe-Tutor-Assistent ist auf Sokrates-Modus eingestellt: Er gibt nie die Antwort, sondern führt die Lernenden durch die Lösungsschritte mit gezielten Fragen. Wenn ein Lernender bei einer Gleichung stecken bleibt, fragt der Assistent: „Welcher Schritt war der letzte, der noch sicher war?" und arbeitet von dort aus weiter.
Der Assistent kann mit dem aktuellen Lehrplan-Level konfiguriert werden (z. B. Sek-I-Algebra), sodass er keine Lösungsmethoden vorschlägt, die im Unterricht noch nicht besprochen wurden.
Schreibberater
Ein Schreibberater-Assistent gibt Feedback zu Textentwürfen von Lernenden — aber schreibt nichts um. Er kommentiert Struktur, Argumentation und Sprachqualität in Form von nummerierten Verbesserungsvorschlägen. Lernende müssen die Überarbeitung selbst vornehmen. Das macht den Unterschied: Der Assistent ist ein Spiegel, kein Ghostwriter.
Für fortgeschrittene Einsätze kann der Schreibberater mit dem schuleigenen Stilguide oder einem Beurteilungsraster ausgestattet werden, sodass sein Feedback direkt auf die Bewertungskriterien eingeht.
Datenschutz und Vendor-Lock-in
Custom Assistenten, die über die APIs von OpenAI, Anthropic oder Google laufen, unterliegen den jeweiligen Datenschutzbedingungen. In allen drei Fällen gibt es Business- oder Enterprise-Tiers, die Opt-out vom Training, EU-Serverstandorte und Auftragsbearbeitungsverträge bieten — das ist Voraussetzung für den rechtlich konformen Schulbetrieb in DACH.
Kritisch ist das Thema Vendor-Lock-in: Ein Custom Assistent, der vollständig auf OpenAI-Infrastruktur aufgebaut ist, kann nicht einfach auf eine andere Plattform portiert werden. Systemm-Prompts können zwar exportiert werden, aber die Wissensbasen (hochgeladene Dokumente) und die Konfigurationsoberflächen sind plattformspezifisch. Schulen sollten Systemm-Prompts und Wissensbasen immer auch lokal dokumentieren.
Open-Source-Alternativen wie Open WebUI auf eigener Infrastruktur erlauben ähnliche Konfigurationsmöglichkeiten ohne Abhängigkeit von einem US-Anbieter — mit höherem technischen Aufwand, dafür mit vollständiger Datensouveränität. Mehr dazu im On-Premise-Bereich.
Empfehlungen
Für Schulen, die Custom Assistenten einführen wollen, empfehlen sich diese Schritte:
Erstens: Klein anfangen. Ein einzelner Assistent für ein Fach, konfiguriert von einer Lehrperson, die Feedback direkt einarbeiten kann. Kein schulweites Roll-out ohne Pilot.
Zweitens: System-Prompt dokumentieren. Jeder Assistent braucht eine kurze Dokumentation: Was ist sein Zweck? Welche Regeln hat er? Wann wurde er zuletzt überprüft? Das schützt vor dem Problem, dass der Assistent nach einem Plattform-Update anders funktioniert.
Drittens: Datenschutz vorab klären. Welcher Tier des Anbieters wird genutzt? Ist ein ABV vorhanden? Welche Daten dürfen in den Assistenten eingegeben werden? Das ist kein optionaler Schritt.
Viertens: Lernende informieren. Custom Assistenten sollten für Lernende transparent sein: Wer hat diesen Assistenten konfiguriert? Was darf er, was nicht? Gibt es Grenzen des Wissens? Ein kurzer Einführungsmoment von zwei Minuten reicht aus, um Vertrauen zu schaffen und Missverständnissen vorzubeugen.
In der Praxis
Eine Deutschlehrperson an einem Gymnasium baut in 45 Minuten einen Schreibberater-Assistenten auf Basis von Claude Projects. Sie lädt das Bewertungsraster für die nächste Aufsatzaufgabe hoch und instruiert den Assistenten: „Du gibst Feedback zu Struktur, Argumentation und Sprache. Du schreibst nichts um. Du stellst maximal fünf Verbesserungspunkte pro Durchgang." Die Lernenden nutzen den Assistenten als erste Feedback-Instanz, bevor sie ihren Text abgeben. Die Lehrperson spart Korrekturzeit auf Erstentwürfe — und kann sich auf die substantiellen Überarbeitungen konzentrieren.