Gymnasium Seeblick: Vibe Coding als Wahlfach
Diese Fallstudie beschreibt, wie das Gymnasium Seeblick — eine fiktive Schule, deren Verlauf auf beobachteten Praxismustern basiert — Vibe Coding als neues Wahlfach in der Mittelstufe eingeführt hat. Im Zentrum steht die Frage, wie KI-gestütztes Programmieren didaktisch sinnvoll gestaltet werden kann, ohne die Bewertungsintegrität zu gefährden.
Ausgangslage
Das Gymnasium Seeblick ist ein vierjähriges Gymnasium in einer ländlichen Region mit rund 620 Lernenden in 30 Klassen. Das obligatorische Informatikfach in der Sekundarstufe II vermittelt Programmiergrundlagen, doch die Lehrpläne hatten KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge noch nicht berücksichtigt. Im Frühjahr 2025 beantragte eine Informatiklehrperson bei der Schulleitung, Vibe Coding — das Programmieren mit KI-Assistenz in natürlicher Sprache — als einjähriges Wahlfach zu pilotieren. Die Schulleitung stimmte zu, unter der Bedingung, dass ein klares Assessment-Konzept vorliegt, das kognitives Lernen gegenüber reiner KI-Delegation priorisiert.
Pilot mit zwei Klassen
Im Herbstsemester 2025 startete der Pilot mit zwei Klassen aus dem zweiten Gymnasialjahr — 22 Lernende pro Klasse, insgesamt 44 Teilnehmende. Das Wahlfach umfasste 12 Unterrichtswochen à zwei Lektionen, ergänzt durch vier Projektwochen-Blöcke.
Technischer Rahmen
Die Lernenden arbeiteten mit einem schuleigenen GitHub-Classroom-Setup und hatten Zugang zu Claude 3.7 Sonnet über ein schulweit lizenziertes API-Konto. Alle KI-Anfragen wurden über eine Protokollierungsschicht geleitet, die Prompts und Antworten automatisch im Repository speicherte — als Grundlage für die Bewertung des Arbeitsprozesses.
Didaktisches Vorgehen
Die zwölf Wochen gliederten sich in drei Phasen: Zunächst lernten die Lernenden in den ersten vier Wochen, was Vibe Coding ist und was es nicht ist. Sie verglichen identischen Code, der mit und ohne KI entstanden war, und debuggten KI-generierte Fehler — ohne selber produzieren zu dürfen. In den Wochen fünf bis acht erstellten sie kleine Projekte (ein Quizgenerator, ein Notenrechner), dabei galt: jede dritte Linie Code musste von Hand geschrieben und kommentiert sein. In den letzten vier Wochen realisierten die Lernenden ein selbst gewähltes Mini-Projekt und präsentierten es in einer Code-Review-Sitzung vor der Klasse.
Bewertungsraster
Die Bewertung verteilte sich auf drei Elemente: Prozessdokumentation (Prompt-Log und wöchentliches Reflexionsjournal, 40 %), Code-Qualität und Eigenleistungsnachweis (mündliche Verteidigung einzelner Codeabschnitte, 35 %), und Endpräsentation (25 %). Eine Gesamtnote wurde erst nach der mündlichen Verteidigung vergeben, damit kognitive Eigenleistung direkt geprüft werden konnte.
Lessons Learned
Nach zwölf Wochen evaluierte die Lehrperson die Erfahrungen in einem strukturierten Debriefing mit allen 44 Lernenden. Die wichtigsten Erkenntnisse:
Die Protokollierungsschicht erwies sich als unverzichtbar: Lernende, die die KI intensiv genutzt hatten, konnten in der mündlichen Verteidigung klar zeigen, warum sie welche Entscheide getroffen hatten — oder auch nicht. Das Protokoll machte Lernfortschritt sichtbar, auch wo das Endprodukt noch unvollständig war.
Schwierig war der Übergang von „KI erklärt mir" zu „ich erkläre der KI". Etwa ein Drittel der Lernenden hatte in den ersten Wochen Mühe, präzise Prompts zu formulieren. Hier half explizites Prompt-Design-Training in der zweiten Schulwoche.
Überraschend positiv war die fächerübergreifende Wirkung: Mehrere Lernende berichteten, dass sie die Praxis, komplexe Probleme in kleine, präzise beschreibbare Schritte zu zerlegen, auch in anderen Fächern anwendeten.
Skalierung
Im Frühjahrssemester 2026 wurde das Wahlfach auf vier Klassen ausgeweitet und das Bewertungsraster auf Basis der Pilot-Erfahrungen überarbeitet. Neu werden Prompt-Design-Kompetenzen explizit in einem eigenen Rubrik-Block bewertet. Die Schulleitung prüft eine Integration in das obligatorische Informatikfach ab 2027 — mit reduziertem Stundenumfang (6 statt 12 Wochen), aber gleichem Assessment-Framework.
Die AG KI der Schule hat das Erfahrungsprotokoll in die jährliche Governance-Evaluation eingespeist und empfiehlt anderen Gymnasien, mit einem ähnlich kleinen Pilotrahmen zu starten: zwei Klassen, klare Dokumentationspflicht, mündliche Verteidigung als Bewertungsanker.