Lernen · Modell A

Devil's Advocate

Die KI vertritt eine strittige Position so überzeugend wie möglich — Lernende entwickeln die Gegenposition mit eigener Recherche, ohne KI-Hilfe.

Stand
2026-04-30
Lesedauer
60 min
Zielgruppe
Lehrpersonen

Beim Devil's Advocate schlüpft die KI in die Rolle des ständig verfügbaren Gegenargumentators: Sie vertritt eine strittige Position so überzeugend wie möglich — mit Daten, Studien und rhetorischer Struktur. Die Lernenden haben eine klar definierte Aufgabe: die Gegenposition entwickeln, aber nicht mit der KI, sondern mit eigener Recherche. Das Resultat ist ein strukturierter Disput zwischen KI-generierter Position und menschlich erarbeiteter Gegenposition.

Worum es geht

Die Methode trainiert Methodenkompetenz (Argumentationsstruktur, Quellenrecherche) und Sachkompetenz im jeweiligen Themenfeld. Gleichzeitig entwickelt sie eine wichtige Facette von Sozialkompetenz: die Fähigkeit, eine gut formulierte Gegenposition zu ertragen und sachlich zu widerlegen, ohne in Ad-hominem-Muster zu verfallen. Die KI als Sparringpartner hat gegenüber menschlichen Mitschülern einen Vorteil: Sie wertet nicht, verliert nicht die Geduld und ist immer bereit für einen weiteren Durchgang.

Lernziele

  • Eine strittige Position für eine KI präzise formulieren und die KI anweisen, diese so überzeugend wie möglich zu vertreten
  • Eine Gegenposition mit eigener Recherche (ohne KI-Hilfe) entwickeln, belegt durch mindestens drei Quellen
  • Einen strukturierten argumentativen Vergleich (KI-Position vs. eigene Position) schriftlich oder mündlich durchführen
  • Die Qualität der KI-Argumentation einschätzen: Wo ist sie stark? Wo überspitzt? Wo fehlen Gegenbelege?
  • Decision-Mode: limit — die KI wird nur für die Argumentations-Generation eingesetzt; Gegenposition-Recherche ist ohne KI

Voraussetzungen

  • Klassenstufe: Sek I ab 9. Klasse, Sek II, Gymnasium
  • Vorwissen: Grundkenntnisse in Argumentationsstrukturen (These, Argument, Beleg, Schluss); Erfahrung mit Quellenrecherche
  • Tool-Anforderungen: Zugang zu einem KI-Tool für die Positions-Generierung; Bibliotheks- oder Internetzugang für eigene Recherche
  • Datenschutz: Themen sind gesellschaftlich/fachlich, keine persönlichen Inhalte; politisch sensible Themen mit Umsicht einsetzen

Ablauf

  1. Position festlegen (5 Min.): Lehrperson oder Klasse wählt ein strittiges Thema. Geeignet sind Positionen, die vertretbar, aber nicht unbestreitbar sind. Beispiele: „Hausaufgaben sollten in der Schweiz abgeschafft werden", „Kernkraft ist unverzichtbar für die Energiewende", „Soziale Medien sollten für unter 16-Jährige verboten werden". Die Position muss klar formulierbar sein, damit die KI sie kohärent vertreten kann.

  2. KI-Prompt formulieren (5 Min.): Lernende formulieren den KI-Prompt: „Argumentiere möglichst überzeugend für folgende Position: [Position]. Nutze Daten, Studien und strukturierte Argumente. Formuliere mindestens 3 starke Argumente mit Belegen." Der Zusatz „möglichst überzeugend" ist wichtig — er aktiviert die stärkste Version der KI-Argumentation.

  3. KI-Argumentation lesen und analysieren (10 Min.): Lernende lesen die KI-Position und analysieren sie: Welche Argumente werden verwendet? Wie überzeugend sind sie? Wo sind Lücken oder Übertreibungen? Diese Analyse ist keine Wertung, sondern Vorbereitung für die eigene Gegenposition.

  4. Gegenposition erarbeiten — ohne KI (20 Min.): Lernende entwickeln ihre Gegenposition allein oder in Zweiergruppen, mit eigener Recherche. Mindestens drei Argumente mit je einer belegten Quelle. Explizite Regel: keine KI für diesen Schritt — auch nicht für Hilfestellung bei der Formulierung.

  5. Strukturierter Disput (15 Min.): Lernende präsentieren ihre Gegenposition schriftlich oder mündlich. Anschliessend: Vergleich der Argumentationsqualität. Welche Argumente der KI konnten nicht widerlegt werden? Welche eigenen Argumente gingen über die KI-Position hinaus?

  6. Meta-Reflexion (5 Min.): Diskussion: Was macht die KI-Argumentation stark? Was ihr schwach? Hätte man dieselbe Qualität der Gegenposition mit KI-Unterstützung erreicht — oder war die Einschränkung produktiv?

Vorlage

ElementKI-PositionEigene Gegenposition
HaupttheseHausaufgaben belasten Lernende ohne nachweislichen LernerfolgHausaufgaben fördern Selbststeuerung und Transferkompetenz, wenn sie gut gestaltet sind
Argument 1 (mit Quelle)Metastudie Harris Cooper (1989): keine signifikante Korrelation in PrimarstufeHattie (2009): Effektgrösse d=0,29 bei qualitativ hochwertigen Aufgaben in Sek I
Argument 2 (mit Quelle)Erhöhte Stressbelastung bei leistungsschwachen Familien (OECD 2019)Eigenverantwortung und Zeitmanagement als Lernziel unabhängig von Fachinhalt
Argument 3Hausaufgaben verstärken soziale Ungleichheit durch ungleiche Unterstützung zu HauseSchulische Rahmung möglich: Hausaufgaben in begleitetem Freiraum
Stärkste Stelle der KISoziale-Ungleichheits-Argument ist gut belegt und schwer zu entkräften
Lücke in der KI-PositionKeine Differenzierung zwischen schlechten und guten Hausaufgaben

Bewertungs-Rubrik

StufeKriteriumBeobachtbar an
1Gegenposition formuliertGegenposition vorhanden, aber ohne Quellen oder sehr allgemein
2Belegt mit QuellenMindestens zwei Argumente der Gegenposition mit verlässlicher Quelle belegt
3Direkte Auseinandersetzung mit KI-ArgumentenLernende gehen explizit auf einzelne KI-Argumente ein und widerlegen oder relativieren sie
4Qualitätsbewertung der KI-ArgumentationLernende benennen die stärksten und schwächsten Elemente der KI-Position und erklären, warum

Variationen

  • Mehrere Runden: KI-Prompt nach der Gegenposition nochmals anpassen — „Hier ist die Gegenposition. Entkräfte sie." Lernende reagieren auf die Entgegnung. Trainiert Debatte-Ausdauer.
  • Rollenspiel: Lernende spielen im Unterricht eine Debatte, bei der ein Mensch die KI-Position vorträgt — macht die Argumentationsqualität physisch erfahrbar.
  • Für Sek I: Position von der Lehrperson vorgeben, KI-Argumentation bereits aufbereitet; Lernende nur für Gegenposition verantwortlich.

Grenzen

Devil's Advocate erfordert inhaltliche Reife: Das Thema muss gesellschaftlich relevant und fachlich anschlussfähig sein, aber nicht so politisch aufgeladen, dass konstruktive Auseinandersetzung unmöglich wird. Die Methode funktioniert nicht gut bei Themen, bei denen die KI in eine schwache oder widerlegte Position gezwungen wird (z. B. „Argumentiere für Terraflat-Theorie") — dann fehlt der produktive Widerstand. Ausserdem ist die Qualität der KI-Argumentation nicht garantiert: Manchmal liefert sie schwache oder schlecht belegte Argumente, was die Übung weniger herausfordernd macht.

Verwandt

  • Socratic Debias — ähnliche Haltung: KI-Ausgabe als Ausgangspunkt für kritisches Hinterfragen
  • Counterfactual Builder — ergänzende Methode für Kausalargumentationen statt Positionsdebatten
  • Quellen-Triangulation — kann vorgeschaltet werden, um beide Seiten der Debatte quellenbasiert zu verstehen