Lernen · Modell A

Prompt-Variation

Lernende formulieren dieselbe Aufgabe fünfmal verschieden und vergleichen die Outputs systematisch — Sprache wird als Variable erkennbar.

Stand
2026-04-30
Lesedauer
30 min
Zielgruppe
Lehrpersonen

Prompt-Variation macht das Verhältnis zwischen Sprache und KI-Ausgabe direkt erfahrbar: Lernende formulieren dieselbe inhaltliche Aufgabe in fünf verschiedenen Stilen — formal, locker, mit konkretem Beispiel, als Frage, als Befehl — und vergleichen die resultierenden Outputs. Was gleich bleibt, was sich ändert und welcher Prompt didaktisch das beste Ergebnis liefert, ist der Kern der Analyse.

Worum es geht

Die Methode adressiert Digitale Kompetenz im Sinne des Lehrplan 21 — konkret die Fähigkeit, digitale Werkzeuge gezielt und reflektiert einzusetzen. Gleichzeitig trainiert sie sprachliches Bewusstsein: Wer fünf Varianten desselben Gedankens formulieren muss, versteht, dass Sprache keine transparente Hülle um Inhalt ist, sondern den Inhalt mitgestaltet. Das gilt für die KI-Kommunikation genauso wie für akademisches Schreiben oder mündliche Kommunikation.

Lernziele

  • Fünf Prompt-Varianten für eine identische Aufgabe formulieren, die sich in Stil, Register und Struktur unterscheiden
  • Die resultierenden KI-Outputs systematisch vergleichen und Unterschiede benennen (Länge, Ton, Detailtiefe, Beispiele)
  • Begründen, welcher Prompt das didaktisch oder fachlich beste Ergebnis geliefert hat und warum
  • Decision-Mode: limit — KI wird im definierten Rahmen dieser Aufgabe eingesetzt, nicht frei navigiert

Voraussetzungen

  • Klassenstufe: Sek I ab 7. Klasse, Sek II, Berufsschulen
  • Vorwissen: Grundlegende Vertrautheit mit einem KI-Tool; keine speziellen Prompt-Kenntnisse erforderlich (Aufbau dieser Kenntnisse ist das Lernziel)
  • Tool-Anforderungen: Zugang zu einem KI-Tool; am besten ein Tool mit kostenlosem Zugang (ChatGPT Free, Claude Free) damit alle Lernenden eigene Versuche durchführen können
  • Datenschutz: Keine personenbezogenen Daten; fachliche Aufgaben verwenden

Ablauf

  1. Aufgabe gemeinsam definieren (5 Min.): Lehrperson und Klasse einigen sich auf eine Aufgabe, die inhaltlich klar umrissen ist. Geeignete Beispiele: „Erkläre die Photosynthese für 12-Jährige" (Biologie), „Erkläre den Unterschied zwischen Brutto- und Nettolohn" (Wirtschaft), „Beschreibe den Aufbau eines Argumentationstexts" (Deutsch). Die Aufgabe muss für alle Beteiligten inhaltlich verständlich sein.

  2. Fünf Varianten formulieren (10 Min.): Jede:r Lernende schreibt allein fünf Varianten des Prompts:

    • Formal: „Bitte erklären Sie die Photosynthese in einer für 12-jährige Schüler verständlichen Sprache."
    • Locker: „Hey, kannst du mir erklären wie Photosynthese funktioniert, für Zwölfjährige?"
    • Mit Beispiel: „Erkläre Photosynthese für 12-Jährige, verwende dabei das Beispiel eines Apfelbaums."
    • Als Frage: „Wie würde ein Biologielehrer der 6. Klasse seinen Schülern Photosynthese erklären?"
    • Als Befehl mit Rolle: „Du bist Biologielehrer. Erkläre Photosynthese in 5 Sätzen für 12-Jährige."
  3. Outputs einholen (5 Min.): Alle fünf Varianten werden in die KI eingegeben (nacheinander oder mit Nummerierung). Outputs werden nebeneinander dokumentiert — in einer Tabelle, einem Dokument oder per Screenshot.

  4. Systematischer Vergleich (5–8 Min.): Lernende analysieren: Was ist gleich geblieben (inhaltlicher Kern)? Was hat sich verändert (Ton, Länge, Beispiele, Struktur)? Welcher Output ist für die ursprüngliche Aufgabe am besten geeignet?

  5. Reflexion und Mustererkennung (5 Min.): Lernende schreiben eine Antwort auf: „Welcher Prompt hat das beste Ergebnis geliefert — und was genau war an seiner Formulierung entscheidend?" Im Plenum werden Muster gesammelt: Rollen-Zuweisung, Zielgruppe, Format-Vorgabe, Beispiel-Einbettung.

Vorlage

Prompt-TypPrompt (Beispiel)Beobachtete Unterschiede im Output
Formal„Bitte erklären Sie die Photosynthese für 12-Jährige."Sachlich, keine Beispiele, akademischer Ton
Locker„Erkläre Photosynthese einfach für Zwölfjährige."Kürzere Sätze, umgangssprachlicher, weniger Details
Mit Beispiel„... verwende das Beispiel eines Apfelbaums."Spezifischer, Alltagsbezug stärker, weniger allgemein
Als Frage„Wie würde ein Lehrer Photosynthese erklären?"Strukturierter, Schritt-für-Schritt-Aufbau
Mit Rolle„Du bist Biologielehrer. Erkläre in 5 Sätzen."Kürzeste Variante, am direktesten, am besten skalierbar

Bewertungs-Rubrik

StufeKriteriumBeobachtbar an
1Fünf Varianten formuliertVarianten unterscheiden sich minimal (nur Wortstellung), Vergleich bleibt aus
2Unterschiede benanntLernende benennen Unterschiede im Ton oder in der Länge der Outputs
3Begründete AuswahlBegründung, welcher Prompt besser war, referenziert konkrete Merkmale (Zielgruppe, Format, Beispiel)
4MustererkennungLernende leiten aus ihren fünf Versuchen allgemeine Prinzipien ab, die über diese eine Aufgabe hinaus gültig sind

Variationen

  • Kürzer für Sek I: Drei statt fünf Varianten; Vergleichstabelle vorgeben; Lehrperson moderiert Auswertung im Plenum.
  • Fachspezifisch: Im Deutschunterricht Prompt-Variation für literarische Analysen; in Mathematik für Erklärungen von Formeln — zeigt, dass Prompt-Literacy in jedem Fach relevant ist.
  • Gruppen-Version: Klasse teilt sich in fünf Gruppen, jede übernimmt einen Prompt-Typ, Ergebnisse werden verglichen — grössere Variationstiefe.

Grenzen

Prompt-Variation macht Lernende bewusster im Umgang mit KI-Tools — aber sie trainiert primär das Formulieren von Anfragen, nicht das kritische Bewerten der Inhalte. Die Methode sollte deshalb mit inhaltsanalytischen Methoden (z. B. Hallucination Hunt oder Source Tracing) kombiniert werden. Ausserdem besteht die Gefahr, dass Lernende die Methode als Trick-Sammlung verstehen — „welcher Prompt liefert die beste Note?" statt „welcher Prompt liefert die beste Erklärung?". Die Fragestellung beim Vergleich muss auf didaktische Qualität zielen, nicht auf Effizienz.

Verwandt

  • Reverse Prompting — umgekehrte Perspektive: vom Output zurück zum Prompt
  • Warum-Protokoll — baut auf dem Bewusstsein für Prompt-Qualität auf und verbindet es mit Entscheidungsprotokollierung
  • Concept Mapping — kann mit einer Prompt-Variation-Phase kombiniert werden, bei der verschiedene Formulierungen unterschiedliche Maps erzeugen