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Glossar KI-Didaktik

Stand: April 2026 · 55 Begriffe

Das Glossar bündelt die 54 zentralen Begriffe, die für evidenzbasierte KI-Didaktik in Schulen der DACH-Region tragfähig sind. Jeder Eintrag ist knapp, quellengestützt und mit den Modellen A/B/C sowie den Modulen verknüpft.

Vier Cluster: Didaktik & Lernen, KI-Technik, Governance & Recht, Unterricht & Schule.

Direkt zu einem Begriff:

Cluster 1

Didaktik & Lernen

Kernbegriffe aus Lernpsychologie, Unterrichtsforschung und evidenzbasierter Didaktik, die den Einsatz von KI im Lernprozess strukturieren.

Assessment for Learning
Formatives Prüfen, das Lernen sichtbar macht und Rückmeldungen zur Steuerung des weiteren Lernprozesses nutzt, statt nur Ergebnisse zu messen. Gegenpol: Assessment of Learning (summativ). → Modul Assessment
Aufgabenformat
Strukturelle Anlage einer Lernaufgabe (offen, geschlossen, produktiv, reproduktiv). Das Format entscheidet, ob KI-Einsatz Eigenleistung ersetzt oder ergänzt. → Interventionen
Differenzierung
Anpassung von Inhalten, Methoden und Anforderungen an unterschiedliche Lernvoraussetzungen innerhalb einer Lerngruppe. KI kann Differenzierung operativ erleichtern, ersetzt aber nicht die pädagogische Entscheidung, was differenziert werden soll. → Kurs Differenzierung
Eigenleistung
Der Anteil eines Lernergebnisses, der auf die denkende, verarbeitende und konstruierende Tätigkeit der Lernenden selbst zurückgeht – im Gegensatz zu KI-generierten oder kopierten Anteilen. Prüfungsrechtlich und didaktisch der entscheidende Bezugsgröße.
Faded Scaffolding
Schrittweises Zurücknehmen der KI-Unterstützung, damit Lernende zunehmend eigenständig arbeiten und Kompetenz aufbauen. Umsetzung von Scaffolding mit explizitem Abbau-Plan.
Generativitätsgrad
Ausmaß, in dem eine Lernaufgabe eigenständige kognitive Konstruktion erfordert versus reproduktive Wiedergabe erlaubt. Hoher Generativitätsgrad schützt Lernprozesse vor trivialem KI-Outsourcing.
Kognitive Last
Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses beim Lernen. Zu hohe Last blockiert Lernen; zu niedrige (durch Offloading an KI) verhindert Aufbau von Langzeitgedächtnis. Quelle: Sweller, Cognitive Load Theory.
Kognitive Souveränität
Die Fähigkeit von Lernenden, KI als Werkzeug zu nutzen und dabei für Verstehen, Bewertung und Verantwortung selbst handlungsfähig zu bleiben. Leitbegriff der KI-Didaktik. → Modell A
Kognitives Offloading
Auslagerung kognitiver Tätigkeit auf externe Werkzeuge oder KI. Produktiv, wenn das Arbeitsgedächtnis gezielt entlastet wird; unproduktiv, wenn der Aufbau eigener Konzepte unterbleibt. → Blog-Artikel
Kompetenz
Im Lehrplan 21 die Verbindung von Wissen, Können und Bereitschaft, mit der Lernende in konkreten Situationen handeln. Kompetenzen werden in Kompetenzstufen beschrieben und über die Zyklen 1–3 aufgebaut. → Modul Kompetenzen
Lehrplan 21
Gemeinsamer Lehrplan der 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone der Schweiz. Strukturiert Bildungsziele in drei Zyklen, Fachbereiche und Module – darunter das Modul „Medien und Informatik".
Lernwirksamkeit
Empirisch feststellbarer Einfluss einer didaktischen Maßnahme auf den Lernzuwachs. In der Hattie-Metaanalytik ab Effektstärke d ≥ 0.40 als bedeutsam gewertet.
Metakognition
Denken über das eigene Denken: Planen, Überwachen und Bewerten des eigenen Lernprozesses. Zentrale Voraussetzung, um KI-Einsatz reflektiert zu steuern und Halluzinationen zu erkennen.
Scaffolding
Temporäres Lerngerüst, das Lernenden hilft, Anforderungen knapp über ihrem aktuellen Stand zu bewältigen. Wird mit wachsender Kompetenz gezielt abgebaut (siehe Faded Scaffolding).
Transfer
Übertragung gelernten Wissens auf neue, strukturell ähnliche Kontexte. Nachhaltiges Lernen zeigt sich erst im Transfer – nicht in der reinen Reproduktion im Original-Kontext.
Cluster 2

KI-Technik

Fachbegriffe aus dem Entwicklungs- und Betriebskontext generativer KI – verständlich formuliert, damit Lehrpersonen, Schulleitungen und IT ohne Übersetzung miteinander reden können.

Agent
KI-System, das eigenständig Ziele verfolgt, Werkzeuge nutzt und mehrschrittige Aufgaben ausführt – mit oder ohne Human-in-the-Loop. Beispiele: Claude Computer Use, OpenAI Operator, Gemini Agents. → Modul KI-Agenten
Embedding
Numerische Vektorrepräsentation von Text, Bild oder Audio, in der semantisch ähnliche Inhalte räumlich nah beieinander liegen. Grundlage für Suche und Retrieval Augmented Generation.
Fine-Tuning
Nachtraining eines vortrainierten Modells auf domänenspezifische Daten zur Anpassung an Ton, Fachsprache oder Aufgabentyp. Für Schulen selten nötig – System-Prompts und RAG reichen meist aus.
Halluzination
Plausibel klingende, aber faktisch falsche oder erfundene Ausgabe eines Sprachmodells. Entsteht, weil LLMs statistische Sprachmuster fortschreiben, nicht Wahrheit prüfen. → Blog-Artikel
Human-in-the-Loop
Prinzip, dass bei KI-Agenten oder automatisierten Entscheidungen immer ein Mensch Aufsicht, Kontrolle und finale Entscheidungsverantwortung behält.
Kontextfenster
Maximale Menge an Tokens (Text, Bild, Code), die ein Modell gleichzeitig verarbeitet. Aktuelle Frontier-Modelle reichen bis etwa eine Million Token.
LLM
Large Language Model – großes Sprachmodell, das durch Training auf enormen Textmengen Wahrscheinlichkeiten für Wortfolgen lernt und daraus Sprache generiert. Kern aller heute verbreiteten KI-Assistenten.
MCP (Model Context Protocol)
Offener Standard von Anthropic (November 2024) zur Anbindung von Daten und Werkzeugen an KI-Anwendungen. Vereinheitlicht, wie Modelle auf Ressourcen, Werkzeuge und Prompts zugreifen – vergleichbar mit USB-C für KI-Integrationen.
Multimodalität
Fähigkeit eines KI-Modells, mehrere Eingabe- und Ausgabekanäle gleichzeitig zu verarbeiten: Text, Bild, Audio, Video. Eröffnet im Unterricht Szenarien wie Präsentations-Feedback oder Skizzen-Kommentierung.
Prompt
Natürlichsprachliche Anweisung an ein KI-Modell. Qualität und Präzision des Prompts bestimmen wesentlich die Qualität der Antwort. → Prompt-Baukasten
RAG (Retrieval Augmented Generation)
Verfahren, bei dem ein LLM vor der Antwortgenerierung relevante Dokumente abruft und als Kontext einbezieht. Reduziert Halluzinationen und erlaubt aktuelle, überprüfbare Quellen.
Reasoning-Modell
LLM-Klasse, die vor der Antwort einen expliziten Denkschritt durchläuft (Chain-of-Thought, Test-Time-Compute). Beispiele: OpenAI o-Serie, Claude mit Extended Thinking, Gemini Thinking. Höhere Genauigkeit bei komplexen Aufgaben, dafür langsamer und teurer.
System-Prompt
Persistente, dem Nutzer meist unsichtbare Anweisung, die Rolle, Grenzen und Verhalten eines KI-Assistenten festlegt. Zentrales Steuerungsinstrument beim Bau eigener schulischer Assistenten.
Temperatur
Sampling-Parameter, der die Zufälligkeit der Ausgabe steuert. Niedrig (z. B. 0.2) = deterministisch und wiederholbar; hoch (z. B. 1.0) = kreativ und variabel.
Tokenisierung
Zerlegung von Text in Token (Wortstämme, Zeichenfolgen). Ein deutsches Wort umfasst im Schnitt 2–3 Token; Kontextfenster und Kosten werden in Token gemessen.
Verifikation
Systematisches Prüfen einer KI-Ausgabe auf Richtigkeit, Quellenlage und Anwendbarkeit im konkreten Kontext. Zentrale Kompetenz im KI-gestützten Lernen und Arbeiten.
Vibe Coding
KI-gestütztes Programmieren, bei dem Lernende natürlichsprachliche Prompts nutzen, um Code generieren zu lassen – mit didaktischer Begleitung von Verstehen, Debugging und fairer Bewertung. → Modul Vibe Coding
Cluster 3

Governance & Recht

Die rechtlich und organisatorisch tragenden Begriffe für KI-Einsatz in Schulen – mit Bezug auf EU AI Act, nDSG und schulische Governance.

Auftragsbearbeitung
Bearbeitung von Personendaten durch einen Dienstleister im Auftrag und nach Weisung des Verantwortlichen. Im nDSG geregelt; erfordert vertragliche Absicherung (Auftragsbearbeitungsvertrag) und Nachweis angemessener Datensicherheit.
DSGVO
Datenschutz-Grundverordnung der EU (seit 2018). Setzt Maßstäbe für Personendatenverarbeitung; für Schulen in DE/AT unmittelbar anwendbar, in der Schweiz indirekt über das nDSG referenziert.
EU AI Act
Verordnung (EU) 2024/1689 zur Regulierung künstlicher Intelligenz. Stuft KI-Systeme nach Risiko ein (verboten, hoch, begrenzt, minimal) und verpflichtet Anbieter und Betreiber entlang dieser Klassifikation. Kernbestimmungen zu Hochrisiko-KI treten August 2026 in Kraft.
GPAI (General Purpose AI Model)
KI-Modell mit allgemeinem Einsatzzweck (z. B. GPT, Claude, Gemini), das durch Selbstüberwachung auf großen Datenmengen trainiert wurde und in vielfältige Anwendungen integrierbar ist. Der EU AI Act definiert eigene Transparenz- und Dokumentationspflichten für GPAI.
Hochrisiko-KI-System
Im EU AI Act definierte Kategorie (Art. 6, Anhang III). Umfasst unter anderem KI im Bildungsbereich zur Bewertung von Lernergebnissen oder zur Steuerung des Zugangs zu Bildungseinrichtungen. Unterliegt Konformitäts-, Dokumentations- und Aufsichtspflichten.
nDSG
Revidiertes Schweizer Datenschutzgesetz (in Kraft seit 1.9.2023). Regelt die Datenbearbeitung durch Private und Bundesorgane. Für kantonale Schulen gelten kantonale Datenschutzgesetze, die das nDSG inhaltlich weitgehend spiegeln.
Policy
Schriftlich verbindliche Richtlinie einer Schule oder eines Trägers zum KI-Einsatz. Regelt Zwecke, zulässige Werkzeuge, Rollen, Datenflüsse sowie Prüfungs- und Transparenzpflichten. → Modul Policy
RACI
Verantwortlichkeitsmatrix: Responsible (führt aus), Accountable (entscheidet/verantwortet), Consulted (wird beigezogen), Informed (wird informiert). Klärt in Governance-Prozessen eindeutig, wer welche Rolle trägt.
Red-Team
Strukturierte, adversariale Prüfung eines Systems oder einer Richtlinie. Ein Team simuliert Angreifer oder Fehlnutzung, um Schwachstellen vor dem produktiven Einsatz zu finden. → Blog-Artikel
Risikoklasse
Einordnung eines KI-Systems im EU AI Act in eine von vier Stufen: verboten, Hochrisiko, begrenztes Risiko (mit Transparenzpflicht), minimales Risiko (keine besonderen Pflichten).
Tool-Registry
Schulinternes Verzeichnis zugelassener, geprüfter und gegebenenfalls abgelehnter KI-Werkzeuge. Enthält je Werkzeug Datenschutzstatus, Zweck, Geltungsbereich der Freigabe und eine Ansprechperson.
Transparenzpflicht
Pflicht, Nutzerinnen und Nutzer klar darüber zu informieren, dass sie mit einem KI-System interagieren oder dass Inhalte KI-generiert sind (EU AI Act Art. 50; für GPAI zusätzliche Dokumentationspflichten).
Verbotene KI-Praktiken
Vom EU AI Act in Art. 5 untersagte Anwendungen: u. a. Social Scoring, manipulative Verhaltensbeeinflussung vulnerabler Gruppen, Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen (mit engen Ausnahmen). Für Schulen unmittelbar relevant.
Cluster 4

Unterricht & Schule

Begriffe, die im schulischen Alltag trennscharf verwendet werden müssen – von Nachweispflicht bis Bring-Your-Own-AI.

3-Schichten-Modell
Architekturrahmen für schulische KI-Infrastruktur: Basisinfrastruktur (Identität, Netz, Speicher), Plattformsteuerung (Zugriff, Datenfluss, Monitoring) und pädagogische KI-Anwendung. → Modell C
Anwendungskompetenzen
Querschnittskompetenzen im Lehrplan 21 für den alltagstauglichen Umgang mit digitalen Werkzeugen: Handhabung, Recherche und Lernunterstützung, Produktion und Präsentation. Keine eigenen Lektionen, sondern integriert in alle Fächer.
Bring-Your-Own-AI
Szenario, in dem Lernende eigene KI-Zugänge (privates ChatGPT, Gemini etc.) mitbringen. Erhöht Zugangsgerechtigkeit, stellt die Schule aber vor Regelungs-, Prüfungs- und Datenschutzfragen.
Medien und Informatik
Modul des Lehrplans 21 mit drei Kompetenzbereichen: Medien (kritisch-kreativer Umgang), Informatik (Daten, Algorithmen, Informatiksysteme) und Anwendungskompetenzen. Verbindlich ab Zyklus 2.
Nachweispflicht
Pflicht der Lernenden, Eigenleistung und KI-Nutzung so zu dokumentieren, dass eine Lehrperson Urheberschaft und Lernprozess rekonstruieren kann. Grundlage für faire Bewertung.
Nutzungsvereinbarung
Schriftliches Regelwerk zwischen Schule, Lernenden und gegebenenfalls Erziehungsberechtigten, das Zwecke, Grenzen und Verantwortlichkeiten des KI-Einsatzes festlegt. Ergänzt, ersetzt aber nicht die übergeordnete Policy. → Muster-Nutzungsvereinbarung
Prüfungsrecht
Rechtsgebiet, das Form, Fairness, Chancengleichheit und Rechtsmittel bei schulischen Leistungserhebungen regelt. KI-Einsatz berührt insbesondere Eigenleistungs- und Täuschungsnormen.
Quadranten-Canvas
Strategisches Werkzeug zur Einordnung von KI-Tools entlang zweier Achsen: pädagogische Handlungsfähigkeit und institutionelle Souveränität. Bestandteil von Modell C.
Transparenz-Protokoll
Dokumentationsformat, in dem Lernende ihre KI-Nutzung, Eigenleistung und Reflexion systematisch offenlegen – als Grundlage für Bewertung und metakognitives Lernen.
Zitieren von KI
Kennzeichnung KI-generierter oder KI-unterstützter Inhalte in schulischen Arbeiten. Empfohlen: Werkzeug, Version, Datum, Prompt und Art der Verwendung nennen – vergleichbar mit anderen Quellenangaben. → Zitierleitfaden
Quellen & Referenzen

Primärquellen

Die Definitionen oben stützen sich auf folgende amtliche und fachlich etablierte Quellen. Einzelne Einträge verweisen zusätzlich direkt auf Artikel oder Abschnitte.

Didaktik & Curriculum

  • Lehrplan 21 (D-EDK) – insbesondere Modul Medien und Informatik sowie Anwendungskompetenzen.
  • MIA21: Medien, Informatik, Anwendungskompetenzen – Umsetzungshilfen zum Modul.
  • Sweller, J., van Merriënboer, J. J. G., Paas, F. (2019). Cognitive Architecture and Instructional Design: 20 Years Later. Educational Psychology Review.
  • Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. Routledge.

Weiterführend